GPS Rundbrief Dezember 2011

Von Peter Baumgartner Nairobi, 29.11.2011

 

Neuigkeiten aus der Gentiana Primary School Nairobi

Drei Ereignisse prägten das abgelaufene Schuljahr der Gentiana Primary School (GPS), die Einführung der Aufgabenhilfe, was zu einer deutlichen Leistungssteigerung in allen Klassen führte, zweitens die wirtschaftliche Situation in Kenia, deren sichtbarstes Zeichen der rapide Preisanstieg für Lebensmittel war, und drittens schliesslich der belastende Zustrom zur Gentiana, belastend insofern, als von den 232 antretenden Kindern nur 32 aufgenommen werden konnten, wie Sie aus dem untenstehenden Bericht über den sogenannten “intake day” lesen können.

Positive Nebeneffekt der Hausaufgabenhilfe …

Gut zwei Drittel der Gentiana Kinder leben in Einzimmer-Blechhütten ohne Strom. Auf der Fläche von üblicherweise 16 Quadratmetern drängen sich Eltern und Kinder und häufig noch Verwandte, die in Nairobi auf Arbeitssuche sind, die Räume sind Küche, Wohn- und Schlafzimmer in einem. Da ist es für unsere Schülerinnen und Schüler schwierig, die Hausaufgaben machen zu können. Darum bleiben sie im Anschluss an den normalen Schulunterricht 45 Minuten in der Schule, machen unter Aufsicht der Klassenlehrer ihre Hausaufgaben. Und wenn einige damit schneller fertig sind als die anderen, erhalten sie die beliebten story-books mit kurzen Geschichten zum Lesen, oder irgendwelche Rechenaufgaben. Um 17.15 Uhr ist Schluss, muss sein, denn viele Kinder haben noch einen gut einstündigen Heimweg. Aus Sicherheitsgründen müssen sie zuhause sein, bevor es eindunkelt.

Die gemachten Erfahrungen sind durchwegs positiv, wie die jeweiligen Prüfungen zeigen; der Aufwärtstrend in Sachen Leistungen ist nicht zu übersehen. Ebenso erfreulich ist der Nebeneffekt: Die Kinder haben den Reiz des Lesens entdeckt. Die gegen 300 Bücher der Schulbibliothek sind praktisch immer ausgeliehen. Nächstes Jahr soll die Bibliothek aufgestockt werden.

… ein zusätzlicher Lehrer …
Die 8. Klasse des nächsten Jahres 2012 ist eine ausgeprochen schwache Klasse. Von den 30 Jugendlichen sind sieben stark traumatisiert, sei es durch den Tod eines Elternteils, sei es durch familieninterne Zerwürfnisse; sie alle werden vom Gentiana-Beratungsdienst betreut. Drei sind Eptileptiker, neun stehen mit den Sprachen Englisch und Kiswahili auf absolutem Kriegsfuss. Nun muss aber diese Klasse am Ende des Jahres, im November 2012, die Abschlussprüfung machen, die für den Besuch der nächsthöheren Sekundarschule entscheidend ist.

Darum hat die Schulleitung entschieden, einen zusätzlichen Lehrer anzustellen und die Klasse in den Fächern Mathematik, Englisch und Kiswahili aufzuteilen. Mit diesen Kleinklassen sollte es gelingen, möglichst vielen Jugendlichen den Besuch der Sekundarschule zu ermöglichen, denn ohne Sekundarschule ist auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Stelle zu finden, nicht einmal als Nachtwächter.

Es ist kein leichter Entscheid, nicht allein  aus finanziellen Gründen, denn ein zusätzlicher Lehrer kostet Geld. Viele Jugendliche müssen direkt nach der achten Primarklasse irgendwelche Hilfsarbeiten annehmen, um ihre Familien zu unterstützen. Es ist bisweilen nicht einfach, den Müttern zu erklären, weshalb es für das Wohl des Kindes besser ist, nochmals vier Jahre lang in die Sekundarschule zu gehen.  

… und alles wird teurer
Der enorme Preisanstieg bei den Lebensmitteln machte der GPS zu schaffen, in doppelter Hinsicht: einerseits für die Schule selbst, die um 10.00 morgens Porridge und um 13.00 Uhr ein Mittagessen ausgibt, andererseits für die Eltern unserer Kinder.

Die Preise für Mais, Bohnen und Zucker stiegen enorm an; kostete ein 95 kg-Sack Mais im Februar noch umgerechnet 24 Euro, mussten im April bereits 45 Euro und im Mai 52 Euro bezahlt werden. Noch übler war es beim Zuckerpreis, der von 45 Euro pro 50 kg innert zwei Monaten auf 93 Euro kletterte.

Nun werden Sie sich vielleicht fragen, weshalb die Gentiana-Kinder Zucker brauchen. Der um 10.00 als Frühstück abgegebene Porridge ist gesüsst (Zucker als Energiespender!) und mit Erdnussbutter angereichert, denn viele Kinder kommen ohne Frühstück zur Schule.

Wenn die Lebensmittelpreise steigen, macht das auch vielen Familien der Gentiana-Kinder zu schaffen. Inzwischen sind 43 Familien, praktisch ausschliesslich alleinerziehende Mütter, auf einer Art “Unterstützungsliste”: Sie erhalten pro Monat etwas Mais und Bohnen, vor allem für die Wochenenden, wenn die Kinder nicht in der Schule essen können; für die Weihnachtsferien hat die Schule eine Art Notdienst eingerichtet. Aber niemals geben wir Geld ab, das würde ins Uferlose führen.

Diese Sozialhilfe ist ohnehin ein schwieriges Unternehmen. Die dafür zuständige Lehrerin Theodora Awuor hat einen schweren Stand. Wie soll sie einer Mutter, die immerhin eine wenn auch schlecht bezahlte Arbeit als Wäscherin hat, erklären, dass sie keine Nahrungsmittel erhält, die Nachbarin hingegen schon, die HIV-positiv ist und kränkelt? Hilfeleistungen in einem Slumgebiet sind Gratwanderungen.  


Wachsender Zustrom zur GPS

Weit über 200 Eltern, begleitet von ihren Kindern, strömten am Samstag, den 22. Oktober, auf den Hof der Gentiana Primary School. Es war der sogenannte „intake day“, der Tag für Neuaufnahmen von Schülerinnen und Schülern.

Wenn es um das Ergattern eines Platzes in der GPS geht, entwickeln die Mütter der künftigen Erstklässler nicht nur eine beträchtliche Eloquenz; viele Mütter besuchen abends die Lehrerinnen und Lehrer der Gentiana und versuchen, sie zu Fürsprechern zu gewinnen. Aber nur 25 Kinder können in die erste Klasse aufgenommen werden; es ist bisweilen schwierig, den Eltern die Vorzüge kleiner Klassen zu erklären.

Aus dem Heer der Kleinen, die etwas verschüchtert zum Test antraten, blieben schliesslich 35 Namen. Allesamt sind es slow learners, wie die Interviews ergeben, und sie stammen aus ärmsten Verhältnisse – die Bedingungen für eine Aufnahme in die GPS sind somit erfüllt. Aber auch Armut kennt Nuancen. In den Dezember-Wochen gehen unsere Lehrerinnen und Lehrer bei den Familien der künftigen Erstklässler vorbei und prüfen, ob die Kinder die sozialen Bedingungen erfüllen, oder etwas krasser gesagt, „arm genug“ sind, um in die GPS aufgenommen zu werden. Vorrang haben Waisen, Behinderte, Kinder von alleinerziehenden Müttern und Alkoholikerfamilien (gerade daran fehlt es nicht, in wirtschaftlich harten Zeiten haben die üblen Spelunken mit ihrem selbstgebrauten Schnaps grossen Zulauf). Am Ende bleiben dann 25 Kinder, die am 4. Januar 2012 erstmals zur Gentiana Primary School marschieren.

Eher einfach war die Zuteilung der freien Plätze in den oberen Klassen; 78 Schülerinnen und Schüler traten an, 7 wurden aufgenommen. Gut ein Dutzend Schülerinnen und Schüler hatten während des Schuljahres die GPS verlassen. Der kleine Exodus hat weniger mit der Schule als solche zu tun als vielmehr mit den wirtschaftlichen Verhältnissen, unter denen Kenia leidet. Am schnellsten und deutlichsten bekommen die Armen in den Slums und hier wiederum die alleinerziehenden Frauen die Notlage zu spüren. Sie können die Hausmieten nicht mehr bezahlen – 30 Franken für eine Blechhütte. So schicken sie ihre Kinder heim, meistens zu den Grosseltern auf dem Land, und versuchen, irgendwo anders und allein unterzukommen. Andere wiederum haben die Miete auf Monate hinaus nicht bezahlt – und verschwinden bei Nacht und Nebel und ziehen in einen anderen Slum. Dritte wiederum haben es geschafft, haben in einem anderen Stadtteil eine feste Arbeit gefunden und ziehen um.

Was das für die Kinder bedeutet, die aus der vertrauten Umgebung herausgerissen werden, können wir nur erahnen. Einige der GPS-Kinder bleiben hart – und wenn sie einen Schulweg von einer Stunde oder mehr in Kauf nehmen müssen, sie versuchen mit allen Mitteln, in der GPS zu bleiben.
„Für uns Lehrerinnen und Lehrer ist der intake day ein belastender Tag“, sagt Seriana Wakufwa, die Drittklasslehrerin. „Wir sehen so viele Kinder hoffnungsfroh kommen und enttäuscht weggehen, und vielleicht sind es genau jene, die es in der GPS geschafft hätten.“ Das schlägt auf das Gemüt, ist aber nicht zu ändern. 235 Kinder sind die Obergrenze.

29112011/bgt.

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